Zurück zum Logbuch

Logbuch-Eintrag

Reagieren in Tagen, nicht in Jahren

Reagieren in Tagen, nicht in Jahren

Andreas Scheller
Andreas Scheller
Technik, Produkte & Plattform
Tag 100 · 10. April 2026 · 19:34

Das Tempo hat sich verändert

Früher konnten Unternehmen in Fünfjahreszyklen planen. Man analysierte den Markt, entwickelte eine Strategie, setzte sie um --- und hatte genug Zeit, die Ergebnisse zu sehen, bevor die nächste Planungsrunde begann.

Diese Welt existiert nicht mehr.

Ein neuer Wettbewerber taucht auf, der Ihr Geschäftsmodell in sechs Monaten untergräbt --- nicht weil er größer ist, sondern weil er schneller ist. Eine Regulierung ändert sich, und plötzlich müssen Ihre Prozesse anders aussehen. Ihre Kunden erwarten etwas, das es vor einem Jahr noch nicht gab --- und wer es nicht liefert, wird ausgetauscht.

Geschwindigkeit ist der neue Wettbewerbsvorteil. Nicht die Geschwindigkeit der Produktion --- die lässt sich automatisieren. Sondern die Geschwindigkeit der Anpassung. Die Fähigkeit, eine Veränderung zu erkennen und darauf zu reagieren, bevor die Konkurrenz verstanden hat, was passiert ist.

Warum Standardsoftware Sie ausbremst

Und hier wird Standardsoftware zum Problem. Nicht weil sie schlecht ist --- sondern weil sie langsam ist.

Versuchen Sie einmal, in SAP einen Geschäftsprozess zu ändern. Nicht eine Farbe im Dashboard, nicht einen Bericht --- einen echten Prozess. Einen Genehmigungsweg. Eine Berechnungslogik. Einen Workflow.

Die Realität einer Prozessänderung in Standardsoftware

Anforderungsanalyse: Wochen, bis alle Stakeholder sich einig sind, was genau geändert werden soll.

Beauftragung: Wochen, bis der richtige Dienstleister gefunden, beauftragt und eingeplant ist.

Spezifikation: Wochen, bis die Änderung so spezifiziert ist, dass der Dienstleister weiß, was zu tun ist.

Umsetzung: Wochen bis Monate, je nach Komplexität --- Customizing, Programmierung, Konfiguration.

Test: Wochen, in einem separaten Testsystem, das nie ganz der Realität entspricht.

Go-Live: Ein koordinierter Termin, an dem alle die Luft anhalten und hoffen, dass nichts kaputtgeht.

Gesamtdauer: 3 bis 12 Monate. Kosten: Zehntausende bis Hunderttausende Euro.

Das war akzeptabel, als sich Märkte alle fünf Jahre veränderten. Es ist nicht akzeptabel, wenn sich Märkte alle fünf Monate verändern.

Und es wird noch schlimmer. Denn die meisten Unternehmen haben nicht ein SAP-System, sondern einen ganzen Zoo von Systemen, die ineinander verflochten sind. Eine Änderung in einem System erfordert Anpassungen in drei anderen. Ein neues Modul braucht Schnittstellen zu fünf bestehenden. Jede Änderung wird zu einem Dominospiel, bei dem niemand sicher ist, welcher Stein als nächstes fällt.

Das Ergebnis: Unternehmen wissen genau, was sie ändern müssten --- und tun es nicht. Weil die Kosten zu hoch sind. Weil das Risiko zu groß ist. Weil es zu lange dauert. Die Software, die eigentlich das Geschäft unterstützen soll, wird zum Grund, warum das Geschäft nicht auf Veränderungen reagieren kann.

„Es liegt am System" --- der Satz, der in jedem Unternehmen fällt, wenn erklärt werden muss, warum etwas nicht geht. Und der Satz, den sich kein Unternehmen mehr leisten kann.

Was sich durch KI fundamental ändert

KI-gestützte Softwareentwicklung verändert nicht einfach die Geschwindigkeit der Programmierung. Sie verändert die gesamte Gleichung.

Erstens: Der Weg von der Idee zum Prototyp verkürzt sich dramatisch. Was früher eine ausführliche Spezifikation brauchte, die ein externer Dienstleister in Code übersetzen musste, kann heute in einer direkten Zusammenarbeit zwischen den Fachleuten, die den Prozess kennen, und einem KI-gestützten Entwicklungsteam entstehen. In Tagen, nicht in Monaten.

Zweitens: Änderungen werden billig. Wenn eine Änderung nicht Monate kostet, sondern Tage, sinkt die Schwelle, Änderungen überhaupt in Angriff zu nehmen. Man muss nicht mehr jede Änderung durch fünf Gremien genehmigen lassen, weil jede Änderung ein Riesenprojekt ist. Man kann ausprobieren. Testen. Anpassen. Und wenn es nicht funktioniert: zurück und anders.

Drittens: Die Abhängigkeit von externen Spezialisten sinkt. Standardsoftware erzeugt eine Abhängigkeit von spezialisierten Beratern, die als Einzige das System verstehen. Eigene, modular gebaute Software --- mit KI-Unterstützung dokumentiert und wartbar --- gibt Ihnen die Kontrolle zurück. Sie können verstehen, was Ihre Software tut. Sie können sie ändern. Sie sind nicht mehr Geisel eines Systems, das nur Eingeweihte bedienen können.

Viertens: Software wird iterativ statt monolithisch. Statt eines großen Systems, das alles auf einmal können muss, entstehen kleine, fokussierte Lösungen, die genau ein Problem lösen. Sie wachsen mit. Sie lassen sich austauschen. Sie sind schnell gebaut und schnell angepasst. Das Risiko sinkt, weil nicht mehr alles auf eine Karte gesetzt wird.

Wie das in der Praxis aussieht

Ein Beispiel: Eine Arztpraxis, die Patientendokumente verarbeitet. Heute sitzen Mitarbeitende da und kopieren Informationen aus eingescannten Dokumenten in ihr Praxisverwaltungssystem. Copy-Paste, den ganzen Tag. Manuell. Fehleranfällig. Frustrierend.

In der alten Welt hätte man gesagt: Dafür gibt es bestimmt ein Modul von [Anbieter X]. Kostet 50.000 Euro, dauert sechs Monate, und am Ende passt es halb.

In der neuen Welt sieht das so aus:

Tag 1--2

Verstehen

Wir setzen uns neben die Mitarbeitenden. Schauen zu, wie sie arbeiten. Verstehen, welche Dokumente ankommen, welche Informationen relevant sind, wohin sie müssen.

Tag 3--5

Bauen

Ein erster Prototyp: Dokumente werden automatisch erkannt, Informationen extrahiert, dem richtigen Patienten zugeordnet. Nicht perfekt, aber funktional.

Tag 6--10

Testen und anpassen

Die Mitarbeitenden arbeiten mit dem Prototyp. Was funktioniert? Was nicht? Wo muss nachgebessert werden? Direkt im echten Betrieb, mit echten Dokumenten.

Tag 11--15

Produktiv

Die Lösung läuft. Die Mitarbeitenden prüfen nur noch, bestätigen, korrigieren wo nötig. Die Copy-Paste-Arbeit ist weg. Die Frustration auch.

Zwei Wochen. Nicht sechs Monate. Und wenn sich in drei Monaten die Anforderungen ändern --- neue Dokumententypen, neues Praxissystem, neue Regulierung --- dann passen wir an. In Tagen. Nicht mit einem Change Request, der durch vier Gremien muss.

Das ist der Unterschied. Nicht ein bisschen schneller. Fundamental anders.

Warum Geschwindigkeit mehr ist als Effizienz

Es geht nicht nur darum, Dinge schneller zu erledigen. Es geht darum, Dinge tun zu können, die vorher unmöglich waren.

Wenn eine Prozessänderung sechs Monate dauert und 100.000 Euro kostet, überlegen Sie dreimal, ob Sie sie wagen. Sie ändern nur das, was Sie ändern müssen. Sie optimieren nicht, Sie verwalten.

Wenn dieselbe Änderung zwei Wochen dauert und einen Bruchteil kostet, dann experimentieren Sie. Sie probieren aus. Sie testen eine Idee, die vielleicht nicht funktioniert --- aber vielleicht die beste Entscheidung Ihres Jahres ist. Sie können sich irren, ohne dass es eine Katastrophe ist.

Das verändert die gesamte Denkweise. Von „Wir können uns keine Fehler leisten" zu „Wir können es uns leisten, Dinge auszuprobieren." Von defensiver Verwaltung zu offensiver Gestaltung.

Und genau das braucht ein Unternehmen, das in einer sich schnell verändernden Welt nicht nur überleben, sondern gestalten will.

„Die gefährlichste Entscheidung ist keine Entscheidung --- weil man Angst hat, dass die Änderung zu lange dauert und zu viel kostet."

Geschwindigkeit in der Anpassung gibt Ihnen etwas zurück, das vielen Unternehmen abhanden gekommen ist: Handlungsfähigkeit. Die Fähigkeit zu sagen: Das machen wir jetzt. Nicht nächstes Quartal. Nicht nach der nächsten Budgetrunde. Jetzt.

Aber Geschwindigkeit und Einzigartigkeit allein reichen nicht. Denn wer soll die Ideen haben, die Ihr Unternehmen einzigartig machen? Wer soll die Veränderungen gestalten, die Sie schnell umsetzen können? Die Antwort ist klar: Ihre Menschen. Aber dafür brauchen sie Raum. Und genau darum geht es im dritten Teil.

Andreas Scheller
Andreas Scheller
Technik, Produkte & Plattform
← Vorheriger Beitrag

Einzigartigkeit statt Gleichförmigkeit

Nächster Beitrag →

Menschen für das Wesentliche einsetzen